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„Kirche muss Veränderung zulassen“

Kirche, lerne von der Jugend! – Dieser Appell von Papst Franziskus gleicht einer kleinen Revolution. Vor der weltweiten Bischofsversammlung (Bischofssynode) 2018 im Vatikan können Jugendliche und junge Erwachsene via Internet mitteilen, was sie hoffen, fürchten und erwarten. Und zwar unabhängig davon, was und wie sie glauben. Ihre Voten sollen in die Beratungen der Bischöfe einfließen. Über die Online-Umfrage sowie die Welt- und Kirchensicht Jugendlicher äußert sich im Interview Sebastian Dietz (24), Diözesanvorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ).

? Herr Dietz, der Vatikan befragt zum ersten Mal gezielt Jugendliche. Wie schätzen Sie das ein?

Das ist Teil eines generellen Wandels in der universalkirchlichen Kultur. Nach den Familiensynoden 2014 und 2015 findet zum zweiten Mal eine Befragung von „Otto-Normal-Gläubigen“ statt. Aus meiner Sicht ist es ein großartiges Signal, weil die Jugend etwas zu sagen hat, was der Kirche viel bringen kann. Beim BDKJ spricht man schon lange von der „prophetischen Kraft der Jugend“. Junge Menschen haben ein feines Gespür dafür, was für die Zukunft relevant ist. Theologisch gesprochen: Sie sind sensibel für die Zeichen der Zeit.  

? Rechnen Sie in Deutschland mit einer starken Beteiligung an der Online-Umfrage?

Ich glaube, dass es eine ernst zu nehmende Beteiligung geben wird. Viele Jugendliche fühlen sich mit der Kirche verbunden und haben Erwartungen an die Kirche. Zum innerkirchlichen Dialogprozess 2011 bis 2015 hatte der BDKJ eine Plakataktion gestartet. Jugendliche wurden nach Themen, Einstellungen und Problemen im Zusammenhang mit Kirche gefragt. Etwa 800 Jugendliche gaben allein im Bistum Würzburg Rückmeldung. Daher erwarte ich, dass es auch diesmal viele und inhaltlich starke Rückmeldungen geben wird.  

? Was sollte bei der Weltbischofs­synode 2018 besprochen werden? 

Haben Sie eine „Wunschliste“?

Nicht so sehr eine Liste mit konkreten Themen. Ich wünsche mir eine bestimmte Haltung und Perspektive, aus der heraus beraten werden sollte, nämlich genau aus dem Blickwinkel der prophetischen Kraft der Jugend. Jugendliche sollten als mündige Christen betrachtet werden, die wissen, was in der Welt los ist. Die Perspektive sollte nicht sein: Die Jugend kommt nicht mehr. Sondern: Wie kann Kirche ihre Botschaft fassen, dass sie Relevanz für Jugendliche hat?  

? Das Vorbereitungsdokument zur Synode spricht von Misstrauen, Gleichgültigkeit oder Auflehnung Jugendlicher gegenüber Institutionen wie der Kirche. Viele würden sich die Kirche anders wünschen. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Ja, fast. Misstrauen gegen Institutionen gibt es in der gesamten Bevölkerung. Das ist nicht jugendspezifisch. Gleichgültigkeit ist der Tatsache geschuldet, dass es lange Zeit nicht flächendeckend gelungen ist, das ernst zu nehmen, was junge Menschen beschäftigt. Stattdessen war für die Kirche nur das Thema, was sie selbst für wichtig erachtet hat. Auflehnung gegenüber der Kirche gibt es in Deutschland, glaube ich, wenig, weil sie in vielen Punkten schlicht ihre Wichtigkeit verloren hat oder weil Jugendliche keine Möglichkeit zur Veränderung sehen. Von den Jugendlichen, denen etwas an der Kirche liegt, sehen viele Optimierungsbedarf. Kircheninterne Grabenkämpfe zur Sexualmoral interessieren so gut wie niemanden, weil die Lebenswirklichkeit eine andere ist. Durch diese Grabenkämpfe entsteht aber bei vielen das Bild einer Institution, die in erster Linie Sex vor der Ehe verbietet. Im Vordergrund stehen sollte stattdessen das Evangelium, das verantwortete Freiheit verkündet und verwirklichen will.  

? Tatsächlich finden bei einem Großteil junger Menschen Spiritualität und Kirche nicht oder kaum noch zusammen. Müssen wir uns damit nicht einfach abfinden?

Glaube ich nicht. Wenn wir uns damit aber nicht abfinden wollen, setzt das den Willen voraus, Veränderung zuzulassen. Es gibt eine Barriere gegenüber der Kirche, wie sie derzeit verfasst ist. Die Jugendmilieu-Studien zeigen: Man wird nicht auf eine Weise alle erreichen können. Aber zum Beispiel ist der Sonntagmorgen nicht die Zeit, zu der normale Jugendliche aufstehen, selbst wenn sie im Gottesdienst einen Mehrwert sehen. Das ist auf den ersten Blick eine Kleinigkeit, aber davon gibt es viele, durch die man transportiert: Wir haben das schon immer so gemacht. Und wir wissen, was gut ist. Andere Jugendliche erreicht man nicht durch den Gottesdienst, aber vielleicht durch das Zeltlager einer Jugendgruppe. Immer wieder wird Jugendlichen dann aber signalisiert: Das eigentlich Wichtige passiert bei „uns“ – gemeint ist das klassische Pfarreileben.  In den Pfarreien ist für viele Ältere nach wie vor der entscheidende Gradmesser, ob Jugendliche am Sonntag in der Kirche sind und ob sie beim Pfarrfest mit­helfen.  

? Einen ähnlichen Trend wie bei der Kirche gibt es in der Politik. Parteien und Wahlen ziehen weniger Jugendliche an als früher. Fehlt ihnen die Erfahrung, verändern zu können?

Darin sehe ich einen Grund. Man kann aber nicht pauschal sagen, dass Jugendliche weniger politisch oder weniger engagiert wären. Die Zeiten und Formen haben sich geändert. Ein Jugendforscher hat einmal gesagt: Früher musste man nur die Beatles hören, um rebellisch zu sein, heute kann man sich piercen lassen, und es interessiert keine Socke. Durch die Digitalisierung ist die Welt außerdem zugleich größer und kleiner geworden und auch komplexer. So kann eine Haltung entstehen: „Die Welt ist kompliziert genug, lasst mich erst mal in Ruhe.“ Heute gibt es erhöhte Anforderungen an das Selbstmanagement von Jugendlichen und entsprechend weniger Raum, sich mit einem bestimmten Zeitkontingent in fester Form zu engagieren.  

? Trotzdem wirken Sie zuversichtlich. Warum?

Nach wie vor werden jährlich Hunderttausende Stunden ehrenamtlicher Arbeit zum Beispiel in Jugendverbänden geleistet. Allein im Bistum Würzburg gibt es über 17700 Ehrenamtliche in der kirchlichen Jugendarbeit. Das ist nicht selbstverständlich, wird aber oft übersehen.    Eines der Leitmilieus in der jungen Generation nennt man in der Jugendforschung „adaptiv-pragmatisch“: Ich mache etwas, wenn es mir etwas bringt. Das ist in der gesamten Gesellschaft angelegt und eben auch bei Jugendlichen. Diese Frage muss sich die Kirche stellen bis in die Pfarreistrukturen hinein: Was bringt es Jugendlichen, wenn sie in die Kirche gehen oder Messdiener werden?  

? Unabhängig von der Kirche: Was bewegt derzeit Jugendliche beim Blick in die Zukunft?

So wie ich es durch soziale Netzwerke und eigene Erfahrungen mitbekomme, bewegt viele Jugendliche derzeit der Populismus in Europa und darüber hinaus. Sie erleben die Unberechenbarkeit von Donald Trump und dass die Demokratie in Frage gestellt wird. Auf manche wirkt das verängstigend. Sie ziehen sich zurück und kümmern sich um sich selbst. Auf andere wirkt die Situation aktivierend in dem Sinne: Da müssen wir jetzt etwas tun. In jedem Fall beschäftigt die politische Entwicklung viele Jugendliche, und heute wohl mehr als noch vor zwei Jahren. Interview: Ulrich Bausewein  

 

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